Erfahrungsbericht – von Photoshop zu Affinity Photo

Als mein Chef zu mir ins Büro stürmte und Fragte: „Kennst du schon Affinity, die Photoshop alternative?“ War meine Reaktion nur ein fragender Blick und ein leises „Nö“. Da ich bisher viel mit Photoshop gearbeitet habe, wurde mir die Ehre zu teil, das neue Programm auf Herz und
Nieren zu prüfen. Denn die aktuelle Photoshop-Version gibt’s nur noch im kostspieligen Abonnement. Da klingt die klassische Einzellizenz von Affinity Photo, für einmalige 49,99 Euro,
nach einer guten Alternative. Hierbei muss allerdings noch erwähnt werden, dass Affinity Photo momentan nur für den Mac Nutzer eine Option ist. Mit dem Wissen, dass Affinity Photo von Serif an dem Thron von Adobe Photoshop sägt, bin ich gespannt ob dieses neue Programm meinen Anforderungen gerecht wird.

Oberfläche und Handhabung

Nach dem ersten Öffnen von Affinity Photo fällt auf, dass der Aufbau schon sehr stark einer Photoshop Kopie ähnelt. Was mich grundsätzlich schon mal freut, denn nichts ist leichter als in ein Programm einzusteigen, mit dessen Anordnung und Funktionen man schon vertraut ist.
Mit Erleichterung entdecke ich die gewohnte Werkzeugleiste auf der linken Seite und rechts
diverse Paletten, etwa für Ebenen, Histogramm und Navigator. Auch die schlichte Anthrazit-graue Oberfläche macht einen guten ersten Gesamteindruck. Etwas ungewohnt ist es anfangs allerdings, dass der Farbwähler für Vorder- und Hintergrundfarbe nicht unterhalb der Werkzeugpalette zu finden ist, sondern rechts oberhalb der Ebenenfenster platziert wurde.
Daran habe ich mich aber schnell gewöhnt. Angenehm aufgefallen ist mir die Platzierung der Pipette, gleich neben dem Farbwähler. Das erspart ständiges hin- und her-klicken.

Brainworxx Gebaede

Um das Programm mit meiner regelmäßigen Arbeit zu konfrontieren, öffne ich erstmal eine Photoshop Datei in Affinity. Denn das ist laut Hersteller kein Problem. Was mich positiv überrascht – alle Ebenen und zusammengefassten Ordner sind auch in Affinity Photo so angeordnet wie vorher in Photoshop. Selbst die von mir in Photoshop gezogenen Hilfslinien übernimmt das Programm ohne Einschränkungen. Allerdings werden die Formen, die ich mit dem Zeichenstift-Werkzeug in Photoshop erstellt habe, nicht immer einwandfrei übernommen. Ansonsten werden alle Rechtecke und Ellipsen auch in Affinity Photo als solche angezeigt.

polaroidEin mit dem Verschieben-Werkzeug  eingeblendeter Auswahlrahmen zeigt in Affinity, in welcher Ebene ich mich gerade befinde und erleichtert mir die Übersicht. So muss ich nicht erst die Ebenen anklicken, die ich bearbeiten möchte, wie in Photoshop. Ich klicke einfach mit dem Verschieben-Werkzeug auf den Bereich im Bild, den ich bearbeiten möchte und bin in der entsprechenden Ebene.

Alle geöffneten Dateien werden in der Standard-Ansicht von Affinity Photo jeweils in Tabs dargestellt, wie wir das aus Photoshop bereits kennen. Im sogenannten modularen Modus werden diese in separaten Fenstern angezeigt. Anders als in Photoshop funktioniert hier der Austausch zwischen zwei Dateifenstern per Drag-and-Drop noch nicht. So bleibt nur der Weg über die Zwischenablage mit [cmd]+[C] und [cmd]+[V].

Womit wir auch schon bei den Kurzbefehlen wären. Denn selbst bekannte Tastenkombinationen wurden vom großen Vorbild übernommen und tauchen in Affinity Photo wieder auf. Alt bekannte Shortcuts wie [cmd] + [Z] für rückgängig oder [cmd]+[J] für ein Ebenenduplikat wird man hier nicht missen müssen. Leider funktionieren in Affinity Photo noch nicht alle Shortcuts einwandfrei. Auch gibt es derzeit nicht die Möglichkeit, eigene Kurzbefehle anzulegen. Da besteht noch Nachbesserungsbedarf, auf das wir aber bestimmt nicht lange warten müssen.

Kleiner Tipp: Die hier eingeblendeten Tastenkombinationen für den Affinity Designer funktionieren überwiegend auch in Affinity Photo mit der Einstellung deiner Tastatur auf die Eingabequelle Englisch.

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Bildquelle: www.discovery-affinity-designer.com

Aufteilung

Alles in allem wirkt die Benutzeroberfläche von Affinity Photo klar strukturiert und macht das Arbeiten durch aufgeteilte Arbeitsbereiche sogenannte „Persona“ einfach. Die Bereiche sind unterteilt in Foto Persona, Liquify Persona (vergleichbar Photoshops Verflüssigen-Filter), Develop Persona (für die RAW-Entwicklung) und Export Persona (für den Dateiexport). Wählt man einen der Personas aus, verändert sich die Arbeitsoberfläche und passt sich der jeweiligen Persona an.

Aufteilung Affinity

Bildbearbeitung

Das Hauptaugenmerk liegt auch wie der Name schon sagt, auf der Bildbearbeitung von Fotos. An Farbräumen stehen CMYK (8Bit), RGB, (8/ 16Bit), Graustufen (8/ 16Bit), und Lab (16Bit) zur Auswahl. Auch bekannte Anpassungen wie Helligkeit/ Kontrast, Kanalmixer und Tonwertkorrektur sind in Affinity Photo zu finden. Ähnlich wie in Photoshop legen sich die Einstellungsebenen über das Bild und ermöglichen so eine weitreichend nicht-destruktive Arbeitsweise. Die Möglichkeit Arbeitsschritte rückgängig zu machen, Korrekturen in den unterschiedlichen Ebenen nachzubessern und individuell aufeinander abzustimmen, bildet die Basis für eine professionelle Bildbearbeitung. Für aufwendige Fotomontagen und Bildretuschen wartet Affinity Photo mit dynamisch skalier- und transportierbaren Ebenen, Pixel- und Vektormasken sowie Anpassungen für diverse Tonwertkorrekturen auf.

Die Palette an Filtern in Affinity Photo lässt kaum etwas vermissen. Viele Filter lassen sich als sogenannte Live-Filter anwenden und können jederzeit verändert werden, denn sie verändern die Bildebene nicht dauerhaft.

Auch eine gute Auswahl an Pinselspitzen sind in Affinity Photo bereits integriert. Da ich allerdings ein paar Pinselspitzen vermisst habe, kam mir das Programm mit der Möglichkeit Photoshop Pinsel zu laden sehr entgegen. Wem die Ebeneneffekte oder Filter nicht ausreichen, der kann zusätzlich Photoshop-Plug-ins verwenden. Hierbei funktionieren aber auch noch nicht alle Plug-ins rund.

Ein Highlight für alle Fans der Beauty-Retusche ist in Affinity Photo unter „Filter > Frequenzen trennen“ zu finden. Hier kann man mit wenigen Handgriffen die Haut weich und Porentief rein erscheinen lassen, ohne die eigentliche Struktur des Teints zu verändern.

fotoretusche

Wie man auf dem Screenshot schon sieht, wird in Affinity Photo das Vorschaubild auf das ganze Bild übertragen. Hier besteht bei einigen Filtern auch die Möglichkeit das gesamte Bild in eine vorher und nachher Ansicht aufzuteilen. Das ist echt mal ein großer Pluspunkt, denn in Photoshop gibt es oft nur ein kleines Fester, in dem ich nur erahnen konnte, wie sich der Filter auf das ganze Bild auswirkt.

Ein weiterer Filter überzeugt mich mit seinen vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten. Der Filter „Ausleuchtung“ setzt eine Lichtquelle ich das Bild, die nach Belieben eingestellt werden kann. Auch die direkte Filtervorschau über dem Originalbild schafft eine optimale Lichteinstellung.

Licht

Features

Affinity Photo bietet in der Seitenleiste unter dem Navigationspunkt „Stock“ (das für Shutterstock steht) eine direkte Verbindung zu der Bildplattform Shutterstock an. Hier hast du die Möglichkeit einen Suchbegriff für dein Wunschbild einzugeben und dir werden die Bilder von Shutterstock im Programm angezeigt. Allerdings sind die Bilder nicht kostenlos. Um die Bilder verwenden zu können, musst du dich auf www.shutterstock.com anmelden und dir dein kostenpflichtiges Paket aussuchen. Erst dann kannst du die gewünschten Bilder erwerben und verwenden.

Für den Dateiexport steht bei Affinity Photo die Export-Persona zusätzlich zum klassischen Export-Befehl zur Verfügung. Die Export-Persona bietet uns Webdesignern die Möglichkeit unsere Werke zu slicen. Unabhängig von der Länge der angelegten Datei kann ich mir alles so zuschneiden, wie ich es für den Webauftritt brauche. Da hatte ich mit der neuen Photoshop Version einige Probleme, da ich dort ab einer bestimmten Länge die Slices nicht mehr speichern konnte sowie alle zugeschnittenen Bilder einzeln einem Dateiformat wie zum Beispiel .png zuordnen musste.

Mein persönliches Fazit

Affinity Photo ist schon ein vielseitiges und größtenteils gut umgesetztes Bildarbeitungsprogramm. Es bietet viele gut durchdachte Einstellungsmöglichkeiten an und macht es Neueinsteigern leicht in das Programm zu finden. Ist man allerdings schon Photoshop vorbelastet, fallen schnell kleine Mängel ins Auge. Denn das ein oder andere Werkzeug wie zum Beispiel das Lasso, hat nicht mehr so viele Auswahlmöglichkeiten wie in seinem Vorbild. Auch Ebenen einfach zu verbinde, um sie zusammen verschieben zu können (ohne sie zusammen auswählen zu müssen) fällt in Affinity weg. Meine Arbeit mit den gewohnten Tastenkombinationen ist momentan in Affinity Photo noch eingeschränkt.

Abgesehen von den im gesamten Text erwähnten Kritikpunkten hat mir die Arbeit mit Affinity Photo sehr gut gefallen. Manche Dinge, die mich in Photoshop oft gestört haben, wurden teilweise in Affinity Photo besser umgesetzt.

Das was Affinity Photo insgesamt zu bieten hat, kann sich sehen lassen. Auch wenn es Photoshop nicht vom Thron schupsen kann, ist es eine durchaus empfehlenswerte Software zu einem unschlagbaren Preis von 49,99 Euro.

Alle Angaben ohne Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit.

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