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Sprechende Buchseiten

Ein beeindruckendes Zusammenwirken von Buchbindetechnik und experimenteller Hochtechnologie realisierte Serviceplan München gemeinsam mit der TU Chemnitz für das aktuelle World Press Photo – Jahrbuch.

Das Jahrbuch „World Press Photo Speaking Images 2015“ zeigt auf rund 100 Seiten herausragende und preisgekrönte Arbeiten von Pressefotografen. Dieser neue Bildband verleiht den prämierten Bildern nun eine Stimme.

World Press Photo - Jahrbuch

Mit dem Öffnen des Bildbands steigt der Betrachter in eine neue Welt ein. Nach einer Einleitung mit dem Namen des jeweiligen Preisträgers folgt eine weitere Seite mit dessen biografischen Angaben. Darauf folgt die Seite mit dem prämierten Bild, das mit einem gedruckten Lautsprecher hinterlegt ist. Das Besondere – der Lautsprecher ist kaum sichtbar.

Während der Betrachter das Bild auf sich wirken lässt, erzählt eine Stimme die Hintergründe dieses Fotos. Unterstützt wird die Erzählung von Originaltönen, Musik und authentischen Sounds, die das Bild noch lebendiger wirken lassen. Die Sounddatei läuft beim Umblättern so lang weiter bis der Leser auf die nächste Seite mit einem unterlegten Lautsprecher blättert. Die rund 25 Seiten mit integriertem Lautsprecher schaffen einen ganz besonderen Einblick hinter die Entstehung des Bildes.

Damit man sich noch lang an dem Bildband erfreuen kann, befindet sich eine Öffnung fürs Ladekabel in hinteren Buchdeckel rechts unten.

Wie funktioniert das Ganze?

Mittels Siebdruck wird ein piezoelektrisches Polymer auf den Rücken einer Buchseite aufgetragen. Darüber kommt ein weiteres, transparentes piezoelektrisches Polymer. Danach wird die nächste Seite darüber geklebt. Die Polymere reagiert bei Druck und Bewegung miteinander und entwickelt dabei Schwingungen. Diese übertragen sich auf das Papier. Durch die Bewegung wird der Ton übertragen. Die Seiten mit den Lautsprechern sind nur 60 Mikrometer dick. Das entspricht ungefähr einer Haardicke.

Jede Seite wird erstmal am Rand mit einer leitfähigen Silberpaste bedruck. Die Paste dient als Sensor, der angibt welche Seite gerade aufgeschlagen ist. Dieser Rand verschwindet dann im Bund des Buches. Im Inneren des Buchdeckels befindet sich die Technik. Ein Atmel-Controller kann anhand des Sensors die richtige Audiodatei zur jeweiligen Seite von der Speicherkarte abrufen und abspielen.

Alle Seiten mit einem Lautsprecher sind mit sogenannten Crimpen verknüpft. Die 75 kurzen, rund einen Millimeter dünnen Metallstifte sind auf der einen Seite mit der Silberschicht verbunden und dienen so als Öffnungssensoren, indem sie dem Mikrocontroller melden, welche Seite geöffnet ist. An der anderen Seite sind die Crimpen mit einem Stecker für das Flachbandkabel verbunden. Diese Signal wird zu konventionellen Elektronik weitergeleitet. Wird eine Seite umgeblättert signalisieren die Sensoren, welche Seite geöffnet ist. Der Mikrocontroller wählt die entsprechende Audiodatei aus und gibt die Single durch den Verstärker an den gedruckten Lautsprecher weiter. So nimmt selbst das Umblättern der Seite Einfluss auf den Klang.

Ein Blick in die Zukunft

Mit dem Tonbuch – von den Chemnitzer Forschern Liebevoll „T-Book“ genannt – wurde ein Meilenstein in der Entwicklung gedruckter Informationen geschaffen. Buchseiten anfassen, durchblättern und dabei noch einem Klang oder einer Stimme lauschen zu können ist ein wirklicher Fortschritt für gedruckte Bücher. Diese Drucktechnik wurde inzwischen patentiert. Wir werden in den nächsten Jahren wohl noch öfter davon hören.

Quelle: Page 07/15 #326
Alle Angaben ohne Gewähr für Richtigkeit und Vollständigkeit.

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